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Kapitel 1 - Der Auftrag

Ein Mann näherte sich lautlos dem Waldrand. Er glitt wie ein Tiger auf der Jagd durch die Schatten der Bäume. In seinen blauen Augen, deren glasklarer Blick die ganze Landschaft in all ihre Bestandteile zu zerlegen schien, spiegelte sich pure Entschlossenheit wieder. Wie ein König sah er aus mit seinem im Winde wehenden, tizianfarbenen Haar und dem Helm aus Stahl, der mit prächtigen, in der Sonne herrlich glitzernden Rubinen und Smaragden bestückt war. Ein solider Brustpanzer schützte seinen wuchtigen Oberkörper vor feindlichen Attacken und dicke Lederbänder seine Handgelenke. Zusätzlich sicherten Schienen seine Beine von den Knöcheln bis hin zu den Kniescheiben. Ein mächtiges Breitschwert hing in einer edel verzierten Scheide an seinem Rücken.
Der Mann sprang einen kleinen Abhang hinunter auf eine große Wiese, die sich über ein langes Tal erstreckte. Prächtige Blumen in allen Farbtönen und saftige Büsche und Sträucher schmückten den großen Wiesenteppich. Hier und da erhoben sich Fichtenwäldchen und kleinere Birkengruppen wie Inseln aus dem tiefen Gras. Tausende Mückchen, Käfer und allerlei andere Insekten flogen und tanzten durch die klare Atmosphäre und er bekam ganze Ansammlungen von Rehen und Hirschen zu sehen. Doch der Mann, den man Cerin nannte, sah auch die Gefahren, die dieser prunkvolle Bergeinschnitt zu verbergen vermochte: Eine offene Fläche, auf der er beim Überqueren leicht entdeckt werden konnte. Er beschloss, eine Weile hinter dem Gefälle zu warten und die Gegend zu beobachten.

 
   

 


     
 

Kapitel 2 - Turalische Perle

Monotone Schrittgeräusche. Pferdegewieher. Überall bewaffnete Krieger auf gepanzerten Pferden und gemeines Fussvolk, das nach Hause eilte.
An hohen Mauern und Arkaden vorbei, steuerten sie ihre Schritte und rückten allmählich ins Innere der Stadt vor. Links und rechts türmten sich verschiedenartigste Gebäude auf, die von dunklen, schmalen Seitengassen voneinander getrennt waren. In einigen der Hauseingänge lungerten Huren in aufreizender Kleidung, stets auf Kundschaft wartend. Händler, die ihre dezenten Geschäfte günstig positioniert hatten, feilschten um ihr Hab und Gut. Auf dem schmutzigen Boden direkt daneben liessen sich Bettler und Obdachlose nieder, die in ihren eigenen Exkrementen sassen und auf ein bisschen Mitleid hofften. Der unverfälschte Schein einer Klinge blitzte kurz auf und erlosch fast gleichzeitig wieder. Turalische Soldaten. Waffen und Rüstungen schepperten. Befehle wurden ausgeteilt.
Rufe hallten. Irgendwo läuteten Glocken. Feuer knisterten und der Gesang von Leuten, die sich an ihnen erwärmten drang an Cerins Ohr. Strophen von ihm unbekannten Liedern wurden angestimmt. Gläser klirrten. Sprüche wurden ausgestossen. Der Schrei einer Frau, der jäh von schallendem Gelächter unterbrochen wurde, erweckte seine Aufmerksamkeit. Dann, ein lautes Donnern weit in der Ferne. Pferde wieherten. Hunde bellten. Soldaten eilten an ihm vorbei. Ein Kind weinte in den Armen seiner Mutter. Ringsherum Schritte, permanentes Geläuf, weit und breit nur vorbeieilende Menschen. Und dazu; das unaufhörliche, fast regelmässige Wirrwarr von unzähligen Stimmen.

 
   

 


     
 

Kapitel 3 - Sturmtag

Sie hatten das Königreich Turalien schon weit hinter sich gelassen, als es zu regnen begann. Schwere Wassertropfen prasselten aus die Köpfe derer nieder, die alles in ihrer Macht stehende versuchten, das Böse im Kampf um die Weltherrschaft niederzuringen und zu ersticken. Noch drei von insgesamt fünf Steinen galt es zu finden, um damit das Tor zum Sieg zu öffnen. Dies offenbarten die sagenumwobenen Legenden, an welchen die Hoffnungen dieser drei Reiter hingen.
Einer der Reiter, ein langlanischer Krieger namens Cerin, Sohn des mächtigen Raoh, war der Auserwählte. Er trug die Lasten des Fortbestandes der gesamten Menschheit auf seinen Schultern und trotzte dem übermächtigen Druck, der diese Mission beinahe aussichtslos erscheinen liess. Zudem wollte er eine Antwort auf das Verschwinden seines Vaters bekommen und sich von dessen Schicksal selbst überzeugen.
An seiner Seite ritt Wu Chien Li, der Meister des steinernen Kampfes und Träger eines der fünf legendären Steine. Seine Aufgabe bestand darin, Cerin zur Seite zu stehen und das Ziel, die fünf Steine zu vereinen, zu verwirklichen. Er trug eine schwarze Maske auf seinem Haupt, um damit die Entstellung in seinem Gesicht zu verdecken, die er sich vor langer Zeit im Kampf gegen einen Bären zugezogen hatte.
Der letzte der drei Reiter war eine junge und wunderhübsche Frau, die den Namen Takiri trug. Sie war Juwelier von Beruf und stellte eine grosse Hilfe auf der Suche nach einem der drei noch verbleibenden Steine dar. Denn nur sie wusste, wie der Mann aussah, der vor Jahren ihren Vater ermordete und den Stein der Macht an sich nahm. Ihr Begleitmotiv war einzig und allein die Genugtuung.

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Kapitel 4 - Höhere Gewalt

Ein Segelschiff lag im Hafen! Ein Dreimaster, gross und majestätisch. Wie der König der Meere hob es sich von den kleinen Fischerbooten ab. Die weissen Segel schimmerten im Sonnenlicht und wehten wie riesige Fahnen an den Masten. Rundherum herrschte reges Treiben. Männer, die das Schiff mit allerlei Waren be- und entluden. Tagelöhner, die kurzfristig angestellt wurden, wenn Arbeit anfiel. Ochsen- und Pferdekarren, mit deren Hilfe Lebensmittel und Handelswaren herbei- und weggeschafft wurden. Frauen und Kinder, die das Ganze gespannt beobachteten, ihre heimgekehrten Männer und Väter in die Arme schlossen oder weinend verabschiedeten. Händler, die ihre Waren vor Ort anboten und Soldaten, die gelangweilt in der Gegend rumstanden oder versuchten, die Menge in Schach zu halten. Auf dem Schiff herrschte Hektik pur. Seeleute schrubbten müde das Deck. Segelmacher montierten und warteten die Segel. Kanonen wurden in Stellung gebracht und Munition herbeigetragen. Je näher Takiri dem Geschehen kam, desto lauter wurde auch das Stimmengewirr um sie herum. Schreie und Rufe von überall her. Befehle wurden ausgeteilt und das Ächzen und Stöhnen der Arbeiter drang an ihre Ohren. Leises Beten einer alten Frau, dann plötzlich lautes Weinen eines Kindes direkt neben ihr. Es roch nach Schweiss, nach Fisch, nach Gewürzen. Dann wieder nach dem fauligen Geruch der Gischt und dem Algenschaum, der an Land gespült wurde.

 
   

 


     
 

Kapitel 5 - Südstadt

Zwei riesige, bogenförmige Dämme ragten endlos weit ins Meer hinaus, die sowohl als Schutz vor Stürmen, als auch gegen feindliche Angriffe seewärts ihren Dienst zu erweisen vermochten - und ganz offensichtlich auch als Anlegestelle für Boote und Schiffe. An jeder Seite wurden zahlreiche, gigantisch grosse Granitsäulen in regelmässigen Abständen errichtet, die wahrscheinlich die Aufgabe hatten, die mächtigen Wellenbrecher zu festigen.
Der Hafen selbst verfügte über zwei mindestens dreihundert Fuss breite Einläufe. Zwei deshalb - erklärte ihm der Meister des steinernen Kampfes -damit die Schiffe je nach dem woher der Wind kam, besser in den Hafen manövrieren konnten. Dazu musste man das Schiff durch je zwei hintereinander angelegte und unübersehbar grosse Torbögen steuern, die die Stadttore von Tarantlan geradezu lächerlich klein ausehen gelassen hätten, hätte man sie miteinander verglichen. In schwindelerregender Höhe befestigten Soldaten die gewaltigen Türme oder patrouillierten in den Scharten, welche die Bauten bestückten. Cerin kam sich vor wie ein Zwerg, als sie die Pforten passierten. Vier kolossale, in massiven Stein gehauene und völlig identisch aussehende Löwenstatuen blickten links und rechts des Fundamentes furchteinflößend auf die vorbeifahrenden Schiffe herab, so dass sich Cerin gleich noch kleiner und unscheinbarer vorkam. Noch nie im Leben hatte er derart mächtige, im wahrsten Sinne des Wortes -majestätische- und von Menschenhand erschaffene Bauwerke gesehen.
Das Wasser dagegen wurde immer dunkler und schmutziger, je tiefer sie in den Hafen hinein fuhren - was man auch deutlich riechen konnte. Allerlei Abfälle und Exkremente, abgehackte Fischköpfe, Innereien, und Dinge, die man sich nur erahnen konnte, schwammen darin herum und ergaben mit dem Seetang und den Algen einen Geruch, einen Gestank, der bei Cerin beinahe einen Brechreiz auslöste. Voller Ekel hielt er sich den Atem an. Wie kontrastreich die Menschheit doch war. Auf der einen Seite erschufen sie wahre Kunstwerke, auf der anderen Seite nur Schmutz und Dreck, Abschaum und Müll. Und das so nah beieinander. Aber genau das zeichnete die Menschheit aus und machte sie so einzigartig. Wo es Gutes gab, gab es auch Schlechtes. Wo es Liebe gab, gab es Hass. Dies war der Lauf der Dinge und unterschied sie so wesentlich von den Tieren.

 
   

 


     
 

Kapitel 6 - Die Festung

Mit lautem Getöse wurde die Tür aus den Angeln gerissen und flog samt dahinter stehender Wache einige Schritte nach innen. Leichtfüssig sprang Meister Wu ins Innere und blickte wild um sich. Der Gang, in dem er sich befand, war lang und breit. Rußende Fackeln säumten die Wände und tauchten alles in gelbliches Licht. Zwei Wachen, die am Ende des Ganges eine mächtige Tür bewacht hatten, stürmten herbei. Meister Wu hob seinen Säbel und spaltete der Wache, die halb unter der Tür begrabenen lag, mit einem einzigen Schlag den Schädel. Er zog das Schwert aus dem Haupt des Toten, richtete sich auf und sprang auf die beiden andern zu. Sein erster Hieb durchtrennte den ersten Angreifer schräg vom Schlüsselbein bis zur Hüfte. Eine blutige Fontäne bespritzte alles in unmittelbarer Nähe. Sein zweiter Hieb krachte mit unglaublicher Wucht in die Stirn des anderen und hinterliess nur eine Masse rot-grauen Breies.
Aus einem der hinteren Räume war ein Alarmruf zu hören. Drei weitere Wachen drängten hinaus auf den Gang. Diese wurden zum Ziel von Cerin. Der Auserwählte umfasste sein Schwert mit beiden Händen und sprang mit einigen gewaltigen Sätzen auf den zu, der ihm am nächsten war. Noch bevor dieser zum Schlag ausholen konnte, trennte ihm Cerin's Hieb den Arm ab und fuhr weiter durch seine Rippen bis zu seinem Herzen. Cerin stemmte seinen Fuss auf dessen Brust, zog das Schwert heraus und nutze den Schwung, um dem Nächsten den Schädel vom Rumpf zu schlagen. Geschickt wich er dem Schlag des letzten Angreifers aus und streckte diesen mit einem gut gezielten Hieb in die Seite zu Boden.

 
   

 


 

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